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Geschrieben von: Martin Schramme   
Sonntag, den 07. Februar 2010 um 00:00 Uhr

Jugendwerkstatt plant mehrsprachige Kita – Muttersprachler als Betreuer gesucht

HALLE. Zuckerfabrik abgerissen und Straße geteert. Für den US-amerikanischen Computerhersteller Dell hat Halle viel getan. Nur ein Verspechen blieb bisher unerfüllt: Eine internationale, mehrsprachige Kindertagesstätte zu errichten. Im Handwerkerhof Halle unweit des Dell-Vertriebszweckbaus soll sich das bis 2011 ändern. Der freie Träger Jugendwerkstatt „Frohe Zukunft“ Halle-Saalekreis will das Katinengebäude der einstigen Kaffeefabrik als mehrsprachige Kita herrichten.


Wo das sozialistische Kollektiv der VEB Kaffee und Nährmittelwerke Halle einst speiste, das unter anderem feinsten Hochlandkaffee der Marke „first class“ abfüllte, will Frohe-Zukunft-Geschäftsführer Klaus Roth bald 180 Kindergartenkinder mehrsprachig betreuen lassen. Seit Jahren gebe es die Idee für eine internationale Kita in Halle, sagte er am Donnerstag vor Journalisten. In Magdeburg betreibt seine Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg bereits eine dreisprachige Kita (Deutsch, Englisch, Französisch) und eine dreisprachige internationale Grundschule. Nebenbei: In Leipzig gibt es heute vier bilinguale Kitas.
Auch in Halle wollen Roth und seine Mitarbeiterinnen nun auf jene Sprachlern-Methode setzen, die Fachleute als die weltweit erfolgreichste bezeichnen: Immersion (lateinisch so viel wie eintauchen, einbetten). In acht Gruppen sollen die Kinder von Deutschen und Einwanderern eine Fremdsprache wie ihre Muttersprache lernen. Die Sprachkompetenz soll durch den ungezwungenen Umgang mit Muttersprachlern gefördert werden, die mit den Kindern nur in ihrer Sprache sprechen. Die Neugier der Kinder und ihre überdurchschnittliche Aufnahmefähigkeit in den ersten Lebensjahren garantieren den Erfolg.
Welche Sprachen in der neuen Kita gesprochen werden, wird noch ausgekegelt. Als Fremdsprache steht bis jetzt nur Englisch fest. Eine weitere Sprache soll dazukommen. Bei der Befragung potenzieller Interessenten liegt Spanisch vor Französisch und Russisch, sagte Roth, der mit Blick auf Halles jüngste Städtepartnerschaft mit Jiaxing (China) und die internationale Entwicklung auch Chinesisch ins Spiel brachte.
Acht Gruppen, acht Sprachen? Sicher nicht, sagte Karamba Diaby, Leiter des Integrationsprojekts EFI an der Jugendwerkstatt. So gut die Vielsprachigkeit prinzipiell sei, so schwierig sei es, die länderspezifisch unterschiedlichen Auffassungen von Pädagogik zu harmonisieren. Zunächst sei nur an drei Sprachen gedacht. Roth nannte eine weitere Hürde: Personal. Qualifizierte Menschen für das Vorhaben zu finden, sei eine anspruchsvolle Aufgabe. Allerdings könnten Muttersprachler pädagogisch geschult werden, eröffnete die Bereichsleiterin Horte und Kitas, Petra Altmann, die Bewerber ermuntern will. Eine Kandidatin wäre die Madagasin Holy Andrianjafimahefarinjo (Foto). In ihrem Herkunftsland, wo sie zweisprachig aufwuchs, hat sie eine Ausbildung zur Grundschullehrerin gemacht. Ob sie am Ende dabei sein wird, ist aber offen.
Im Vorfeld des Kita-Bauvorhabens hat es Gespräche unter anderem mit Computerhersteller Dell, mit dem IT-Unternehmen Gisa und dem Krankenhaus Bergmannstrost gegeben, so Roth. Schon jetzt sei klar, dass der Bedarf auch künftig über dem Angebot liegt, zumal auch Kinder der beispielsweise am Weinberg-Campus arbeitenden Wissenschaftler in Frage kämen.
Heute, drei Jahre nach Aufnahme der ersten Gespräche und nach dem Kauf des Gebäudes vor zwei Jahre von der Stadt Halle, ist der Bauantrag eingereicht. 50 Prozent werden über ein PPP-Projekt (Partnerschaft Private und Kommune) finanziert, die anderen 1,5 Millionen Euro kommen aus dem Konjunkturpaket II. „Wir sind Gewinner der Krise“, sagte Roth mit Blick auf die Konjunkturgelder. Nur von Dell hätte er sich mehr erhofft. Nach vollmundigen Versprechen des Weltkonzerns, auch in Halle die in seinem Mutterland USA übliche Wohltätigkeit auszuleben, fielen für die neue Kita bisher 19.000 US-Dollar ab.
Roth erwartet, bald bauen zu können, denn Anfang 2011 soll das neue Haus öffnen. Kopfzerbrechen bereitet noch ein Schallgutachten. Ermittelt werden soll, wie viel Krach 180 Kinder machen, damit das Lärmkontingent für das Gewerbegebiet nicht überschritten wird. Roth zeigte sich verwundert, herrscht bei den Gerichten doch Einigkeit, dass Kinderlärm kein Krach ist.
Nachtrag: Während im Handwerkerhof ein Industriealtbau auf Kita frisiert wird, ist man im Paulusviertel offenbar einen Schritt weiter. Zeitgleich zur Projektvorstellung der Jugendwerkstatt verkündete der Eigenbetrieb Kindertagesstätten diese Woche, dass die neueröffnete Kindertagesstätte in der Herweghstraße (Paulusviertel) im Sommer als erste internationale, bilinguale Kita in Halle seine Türen öffnet. Wie Juliane Tapper erklärte, zielt das Angebot auf Familien, in denen die Kinder bereits mit zwei Sprachen aufwachsen oder aufwachsen sollen. Die US-Amerikanerin Kjersti Nichols-Kraus werde die Einrichtung mit 70 Plätzen leiten. Nach geeignetem, sprachversiertem Personal werde weltweit gesucht.

 

I N F O

Weiterführende Links zu
mehrsprachigen Kitas und Schulen:
im Internet www.stejh.de und
www.fmks-online.de

 

 


 

 

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