Singen als Lebenselixier
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- Erstellt am Samstag, 11. Februar 2012 19:29
- Geschrieben von Gabriele Bräunig
Fünf Jahre Frauenchor der Deutschen aus Russland
HALLE. Sie nennen ihren Chor liebevoll „Annuschka“ nach ihrer musikalischen Leiterin Anna Geiger. Und sie fühlen sich wie Schwestern – verbunden nicht nur durch ihren Gesang, sondern vor allem durch ihre Lebenserfahrungen sowie die Sehnsucht, die hin und wieder nach der Heimat, aus der sie emigrierten, aufglüht. Durch das Singen können die 13 Frauen des Chores der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ihren großen Gefühlen tiefen Ausdruck verleihen.
Lydia Dippel ist mit 82 Jahren die Älteste im Chor, den sie vor gut fünf Jahren ins Leben gerufen hat. Sie stammt aus Russland und hat ein schweres Leben hinter sich. Ihre deutschstämmige Familie wurde unter Stalin nach Sibirien deportiert; damals war sie noch ein Kind. Und auch nach dem Ende der sozialistischen Ära war eine menschenwürdige Existenz in ihrer Heimat nicht wirklich möglich. Lydia liebt wie die meisten der sangesfreudigen Damen schon immer die Musik und sagt leidenschaftlich: „So lange ich laufen kann, mache ich im Chor mit.“ Sie ergänzt lachend: „Ich war die Erste und werde wohl die Letzte sein.“
Der Chor probt jeden Mittwoch ab 14 Uhr in den Vereinsräumen der halleschen Ortsgruppe der Landsmannschaft, Am Treff in Halle-Neustadt. Als Nellja Nizuk vor drei Jahren hierher kam, wo sie niemanden kannte, weinte sie sehr, als sie plötzlich die vertrauten Worte und Melodien aus der Heimat hörte. Sie ist geblieben und pflegt mit den anderen Frauen im Alter zwischen 48 und 82 Jahren das Repertoire aus etwa 40 russischen sowie rund 25 deutschen Volks- und schlagerartigen Liedern.
Glücklich waren die Mitglieder von „Annuschka“, als sie im Jahr 2009 von den Veranstaltern des jährlichen „Weihnachtssingens“ aufgefordert wurden, hier aufzutreten und sie die dafür von einer Kostümbildnerin angefertigten traditionellen Kleider und Hauben behalten durften. Seitdem bereitet es ihnen noch mehr Spaß, bei der Interkulturellen Woche, auf Wohngebiets- und Sommerfesten oder bei Treffen der Landsmannschaften ihr Bestes zu geben. Sogar Theatermann Tom Wolter hatte den Chor in diesem Jahr eingeladen, zu Moliéres „Die erzwungene Heirat“ zu spielen und zu singen. Ihr Hobby sehen die Chorfrauen denn auch als Beitrag zur Integration.
Gesang als Lebenselixier, Kraftspender und sozialer Kitt – auch Olga Ebert, die Vorsitzende der Ortsgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, ist froh, dass „Annuschka“ in Halle-Neustadt eine feste Heimstadt gefunden hat. Sie unterstützt die Damen aus Moldawien, Russland und Kasachstan, wo es nur geht, und sie weiß, dass diese sehnsüchtig auf jeden Mittwoch warten, an dem sie gemeinsam singen können.
Und die Lieder bringen die Seelen vieler Menschen zum Klingen. So mancher, der zum Frisör Am Treff eilt, verweilt minutenlang, um einem schwermütigen russischen Lied zu lauschen. Nachbarn kennen den zum Teil fremdartigen Klang der Lieder inzwischen.




