Zwischen den Fronten
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- Erstellt am Samstag, 11. Februar 2012 19:09
- Geschrieben von Frank Schumann
Thomas Keindorf spart auch CDU-intern nicht mit Kritik
HALLE. Fachkompetenz ist in der Politik gern gesehen. Heißt es meist von dort. Doch wenn der Sachverstand politischen Ideologien oder Strategien widerspricht, sind Probleme im politischen und menschlichen Umgang meist programmiert. Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle (HWK), sitzt seit knapp einem Jahr für die CDU in Sachsen-Anhalts Landtag und kennt diese Gratwanderung.
Denn Keindorf hält sich mit seiner Meinung nicht zurück – nicht als Präsident von Handwerkskammer und Handwerkstag, aber auch nicht als Landespolitiker. Als Mitglied einer regierungsstützenden Fraktion kann das schon die eine oder andere Konfrontation in den eigenen Reihen mit sich bringen. Doch dieses Wissen hielt ihn nicht davon ab, in seiner ehrenamtlichen Funktion als HWK-Präsident zum Neujahrsempfang vor wenigen Wochen heftig gegen die Landespolitik auszuteilen. Das Handwerk sei enttäuscht von der neuen Landesregierung, sagte Keindorf und kritisierte neue Gesetze und Gesetzesvorhaben überaus deutlich – beispielsweise Kommunalwirtschaftsgesetz und Vergabegesetz. „Wie soll die Wirtschaftlichkeit eines Angebotes gegen Frauenquote oder Umweltzertifikate abgewogen werden?“, fragte der Schornsteinfeger und langjährige Ober- und Landesinnungsmeister. Die Antwort sei noch offen. Doch im Gegensatz zu früheren Neujahrsreden war Thomas Keindorf anno 2012 ebenso Absender wie Adressat. Seit vergangenem März macht er nämlich nicht nur ehrenamtlich Handwerkspolitik sondern auch hauptberuflich Landespolitik.
So wie der 53-Jährige inzwischen im Magdeburger Landtag angekommen sei, sich mit den Abläufen in Parlament und Fraktion vertraut gemacht habe, musste er erkennen, dass er hier nur einer von vielen Interessenvertretern sei: „Ich habe im ersten halben Jahr auch gelernt, dass ich als Handwerkskammer-Präsident hier nicht der einzige Lobbyist bin. Es sitzen auch Vertreter anderer Interessengruppen im Landtag.“ Doch er habe die Interessen des Handwerks in Magdeburg zu vertreten: „Das macht es mir in der Fraktion nicht immer leicht.“ Zumal sich der Handwerker nach seiner Wahl recht schnell auch kritisch in Fraktion und Landtag zu Wort meldete. Zum Beispiel mit einer persönlichen Erklärung zum Kommunalwirtschaftsgesetz. Alte Hasen der Magdeburger Landespolitik sprachen von einem bisher einmaligen Vorgang, als sich der Abgeordnete aus Halle sein Rederecht durch Verzicht auf Stimmrecht „erkauft“ hat. „So bekam ich die Möglichkeit, eine persönliche Erklärung abzugeben. Das war mir sehr wichtig, weil dieses Gesetz uns als Handwerk sehr tangiert. Die Art und Weise, wie das Gesetz in den Landtag eingebracht, beraten und verabschiedet wurde – dieses atemberaubende Tempo bei solch einer Brisanz. Da konnte ich nicht anders, da musste ich mich zu Wort melden.“, sagt Keindorf und ergänzt: „Beim ähnlich brisanten Vergabegesetz gab es später eine breitere Diskussion. Das schreibe ich mir persönlich als Erfolg zu.“
Nach knapp einem Jahr Landtag ist das nicht die einzige Erfahrung: „Für den einzelnen Abgeordneten ist es – selbst wie bei mir mit zwei engagierten Mitarbeitern im Wahlkreisbüro – schlichtweg unmöglich, in allen Themen, die in den Ausschüssen behandelt werden, auf dem Laufenden zu bleiben. Deshalb muss man seine Themen finden.“ Suchen habe er diese aber nicht müssen, sagt Thomas Keindorf im SN-Gespräch. „Mein Wunsch war es von Anfang an, in den Bildungsausschuss zu gehen, weil ich das Thema berufliche Bildung in der Politik stets als vernachlässigt angesehen habe.“ Hier kennt sich Keindorf aus, hat selbst junge Menschen ausgebildet, arbeitete einige Jahre auch als Berufsschullehrer. Als er zu Beginn der 1990er Jahre noch auf den Dächern unterwegs war, saßen einige seiner heutigen Kollegen schon im Landtag. Für die sachliche Diskussion sei das nicht unbedingt ein Vorteil: „Es wäre manchmal einfacher, mit Politiker-Kollegen über berufliche Bildung sprechen zu können, die in ihrem Leben auch schon einmal einen Lehrling ausgebildet haben.“ Aktuell arbeitet Thomas Keindorf an einem Strategiepapier zur beruflichen Bildung. Ihm schwebt dabei eine Dreiteilung vor, bei der die Berufsorientierung stärker in den Fokus gerückt wird, und die dem Prozess des lebenslangen Lernens nach der eigentlichen beruflichen Bildung noch mehr Aufmerksamkeit widmet. Positiv äußerte sich der Hallenser übrigens zur Vereinbarung von Bund, Ländern und Sozialpartnern über die Einführung des Deutschen Qualifikationsrahmens in der vergangenen Woche. Die Festschreibung der Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung bewertete Keindorf als einen „wichtigen Meilenstein“.




