Hugenotte Valéry: Erster größerer Tuchfabrikant in Halle

Persönlichkeiten aus der Heimatgeschichte

Vor 325 Jahren, Anfang 1687, nahm in der Saalestadt, die von den reichen französischen Tuchfabrikanten Abraham Valéry  aus Bédarieux im Languedoc gegründete Tuchfabrik mit 50 Arbeitern an 26 Web- und Wirkerstühlen ihre Tätigkeit auf. Bereits am 23. März konnte die hallische Verwaltung den Kurfürsten berichten, das in „dem neuen Betriebe Valérys die Webstühle in Gang gebracht seien und alle Arbeiter bis auf zwölf genügende Beschäftigung hätten.“

Abraham Valéry gehörte zu den rund 20.000 aus Frankreich vertriebenen Schutzsuchenden, die in Brandenburg-Preußen nach dem vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. am 29. Oktober 1685 erlassenen Edikt von Potsdam Aufnahme fanden. Halle zählte zu den Städten, die im Edikt ausdrücklich den Hugenotten als künftige Wohn- und Wirkungsorte empfohlen wurden. Der Landesherr hoffte, dass durch die Einwanderer die nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) sowie die große Pestepidemie von 1681-1683 stark gesunkene Bevölkerungszahl wieder anstieg und die Saalestadt sich vor allem wirtschaftlich durch die Belebung von Gewerbe und Handel erholen würde. Die französisch-reformierte Gemeinde in Halle wurde schon am 14. November 1686 durch den Prediger Jean Vimielle mit 30 Familien gegründet.
Der über die Zwischenstation Zürich in der Schweiz nach Halle kommende Valéry stellte nicht nur aufgrund seines  auf 25.000 Taler geschätzten Vermögen eine Ausnahme dar. Zunächst hatte er im April 1686 bei einem Besuch der Leipziger Messe die Lage sondiert und anschließend in Berlin direkt mit dem Kurfürsten verhandelt. Zurückgekehrt nach Zürich erhielt er schließlich am 5. Juni 1686 ein Patent vom Kurfürsten, in dem ihm zahlreiche Privilegien zugebilligt wurden – darunter ein Wohnhaus sowie Räume für seine geplante Manufaktur mit zukünftig etwa 200 Arbeitern. Valéry verpflichtete sich dagegen, seinen nach Halle mitkommenden 50 französischen Textilarbeitern und deren Familien ausreichend Beschäftigung zu geben. Gewissermaßen als Vorkommando trafen Anfang Oktober 1686 die ersten zwei in Halle ein. Es folgten zwei weitere Trupps mit Werkzeugen, Web- und Wirkstühlen sowie die zur Produktionsaufnahme erforderlichen Rohstoffe. Valéry dürfte mit seiner Familie spätestens Anfang November 1686 in Halle angekommen sein, da seine Anwesenheit bereits im Gründungsprotokoll der französisch-reformierten Gemeinde vom 14. November 1686 belegt ist.
Der wirtschaftliche Erfolg von Valéry hielt jedoch nicht lange an: Bereits im März 1688 war die Zahl der Beschäftigten auf 33 gesunken, und es waren nur noch 14 Web- und Wirkstühle in Betrieb. Ein Jahr später waren es sogar nur noch sieben, an denen von 21 Arbeitern produziert wurde. Schon im April war Valéry finanziell nicht mehr in der Lage gewesen, die Kosten für Ferntransporte seiner produzierten Stoffe vorzufinanzieren. So musste er am 13. Januar 1691 seine Textilmanufaktur schließen. Die Web- und Wirkstühle wurden verkauft und sein Haus in der Kleinen Klausstraße am Kühlen Brunnen erwarb der Hugenotte Philippe Meunier. Kurioserweise konnte der 1689 verwitwete Abraham Valéry in dessen Sergefabrik noch im gleichen Jahr wieder Fuß fassen, da er Meuniers Tochter heiratete. Genau so erstaunlich ist, dass Abraham Valéry genau an dem Tag an dem er seine Fabrik schloss vom Kurfürsten zum Kommerzienrat ernannt wurde.
Die Hauptursachen für das wirtschaftliche Scheitern von Valéry und vielen weiteren hugenottischen Manufakturies bestanden vor allem in den unzureichenden Absatzmöglichkeiten für ihre meist hochwertigen Produkte in der verarmten hallischen Bevölkerung sowie die offen gezeigte Abneigung gegen die mit zahlreichen Privilegien ausgestatteten „Fremden“. Besonders deutlich wird diese Feindschaft in den Problemen Valérys beim Bau der ihm vom Kurfürsten am 11. Juni 1687 genehmigten Errichtung einer Walkmühle an der Saale zwischen Schlossgarten und den Stadtmühlen. Trotz wiederholten Eingreifens des Landesfürsten weigerten sich die lokalen Behörden und die Arbeiter vor Ort für den „verhassten Valéry“ tätig zu werden.
Gestorben ist der Hugenotte Abraham Valéry im Alter von „etwa 53 Jahren“ am 21. November 1703 in Halle.