Metalle bei Halle sehr gefragt
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- Erstellt am Samstag, 21. Januar 2012 20:11
- Geschrieben von Martin Schramme
DDR-Fund interessiert Industrie – Geologe Gregor Borg untersucht „seltene Erden“
HALLE. Die Hochtechnologieindustrie giert nach seltenen Metallen (SEE). Lange hatte die USA die Nase vorn bei deren Förderung, jetzt ist es China. Nun hat deren Sicherung auch in Deutschland höchste Priorität. Funde aus DDR-Zeiten sind wieder interessant und Halle sitzt mit im Boot.
Sogar mehr als das, denn Gregor Borg, Professor für Petrologie und Lagerstättenforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Seltenerden Storkwitz AG und deren Mutterunternehmen Deutsche Rohstoff AG (DRAG). Storkwitz liegt bei Delitzsch im Freistaat Sachsen und die AG mit dem Ort im Namen will dort die seltenen Metalle aus der Erde holen. Die Lagerstätte ist in Mitteleuropa einmalig und soll zunächst weiter untersucht werden.
Vorkommen gibt es in Sachsen und in Sachsen-Anhalt, aber nur die in Sachsen hat Potenzial, so Borg. Die Seltenen Erden seien in geologischer Vorzeit in geschmolzenen Magmen aus der Tiefe des Erdinneren nahe an die Erdoberfläche aufgestiegen. Davon gebe es etliche zwischen Bitterfeld und Delitzsch. Der Hauptkörper mit der relevanten Vererzung befinde sich bei Storkwitz. Es gebe Probebohrungen aus DDR-Zeiten. Die Seltenerden seien zufällig gefunden worden auf der Suche nach Uranerz, wofür das halbe Land „perforiert“ worden sei.
Um Uranerzsuche und -abbau kümmerte sich die SDAG Wismut. Sie stieß auch auf den Erzkörper Storkwitz, der laut DRAG durch fünf Bohrungen definiert ist. Gefunden wurden in den 70er/80er Jahren Cer, Lanthan, Praseodym, Neodym, Europium und Yttrium. Nun soll vom Frühjahr bis zum Herbst gebohrt werden, um die Vorräte nach internationalen Standards zu bewerten. Dabei ist die Ausdehnung in der Tiefe von Interesse. Für das Vorhaben wurden bei deutschen Investoren 2,2 Millionen Euro eingesammelt.
Die Lagerstättenschätzung aus DDR-Zeiten soll mit den heutigen Möglichkeiten präzisiert und die Art der Gewinnung weiterentwickelt werden. Günstig für die Lagerstättenausbeute ist die Lage im politisch sicheren Deutschland, doch Umweltschützer dürften die Aktivitäten genau beobachten. Denn wenn abgebaut würde, ginge es nicht nur um den Aufschluss der Lagerstätte. Nach dem gegenwärtigen technischen Stand würden die teilweise giftigen seltenen Metalle mit Säuren ausgwaschen.
Ein Kenner der Lagerstätte in Storkwitz ist der Geologe Frank Möckel. In den 80er Jahren arbeitete er bei dem für die Erkundungen der SDAG Wismut zuständigen Zentralen Geologischen Betrieb (ZGB). Die DRAG fand ihn als Zeitzeugen vom „Suchrevier Delitzsch“, nachdem sie seit 2007 die Erlaubnis besaß, auf dem Areal nach mineralischen Rohstoffen zu suchen. Das begehrte Material liegt 200 Meter und tiefer unter einem Acker westlich von Storkwitz nur wenige Meter neben der Bundesstraße 183a. Auf 100 Meter Lockersedimente folgen etwa 100 Meter Grundgebirge, ehe die vulkanschlotartige Lagerstätte beginnt, so Möckel.
In Storkwitz soll bald mehr oder weniger wiederholt werden, was in der DDR 1976 passierte. „Wis BAW 530/76“, nennt Möckel die Nummer der Bohrung, die damals bis in 749 Meter Tiefe vorangetrieben wurde. Von 1971 bis 1989 bohrte die SDAG Wismut im 500 Quadratkilometer großen „Suchrevier Delitzsch“, das sich zwischen Landsberg/Niemberg und Löbnitz sowie Bitterfeld und Leipzig erstreckt. Entdeckt wurde unter anderem ein 400 Quadratkilometer großes Karbonatit-Vorkommen, ein seltenes Gestein des so genannten Hot-Spot-Vulkanismus. Das Ergebnis komplizierter Schmelzprozesse im Erdmantel geht im Fall von Storkwitz auf Ereignisse vor zirka 80 Millionen Jahren zurück. Wie Möckel erklärt, befindet sich der Ort an einem Tiefenbruch, der sich von Rostock über Leipzig bis nach Regensburg zieht. Die Wismut bohrte schräg, um den Gesteinskörper besser zu lokalisieren.
Das im benachbarten Khyna-Schenkenberg-Gebiet gefundene Uranerz blieb unangetastet. Die DDR hätte es an die Sowjetunion liefern müssen. Der Abbau scheiterte offenbar an den Kosten.
Auch jetzt soll der Bohrer schräg angesetzt werden, erklärt Möckel. So sei der geologische Körper in seiner Lage, Ausdehnung und Zusammensetzung am besten zu erfassen. Die Analyseergebnisse der SDAG Wismut wolle man überprüfen. Mit der modernen massenspektrometrischen Analysenmethode ICP-MS könne viel feiner analysiert werden, als mit den Methoden vor über 30 Jahren. Heute können viele Elemente sogar nachgewiesen werden, wenn nur milliard-stel Gramm vorhanden sind.
Die eigentliche Lagerstätte beschreibt Möckel als langgezogene „Zipfelmütze“ - oben schmal, nach unten auseinanderlaufend, vermutlich bis zu drei Kilometer tief. Wirtschaftlich sei der Abbau bis zu einer Tiefe von 1000 Meter. Die „Mütze“, die in Wahrheit nicht der idealen Kegelform gleicht, misst nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand im Durchmesser bis zu 200 Meter. Die Wertstoffe könnten, weil das kostengünstiger ist, durch Spezialflüssigkeiten herausgelöst werden. Welche geeignet und umweltverträglich sind, ist noch zu erforschen.
Mit den Seltenerden vertraut ist auch Bodo-Carlo Ehling, Abteilungsleiter Geologie bei Sachsen-Anhalts Landesamt für Geologie und Bergwesen. Er war in den 1980er Jahren bei den Erkundungen dabei. Diese Lagerstätten, sagt er, sind kleine Körper, die sich in das vorhandene Gestein hineingesprengt haben. Mit Storkwitz vergleichbare Funde gebe es bei Bitterfeld. Das vorhandene Bohrmaterial von dort würden Studenten der Uni Halle unter Borgs Leitung gesteinskundlich und geochemisch auswerten. Für diese Feinstanalyse würden die Proben nach Kanada geschickt.
Die Seltenerden kommen häufiger vor als Gold und Platin. Benötigt werden sie unter anderem für Bildschirme, Windgeneratoren, Elektromotoren, Stromspeicher und Spezialgläser.
Die Deutsche Rohstoff AG wurde 2006 in Heidelberg gegründet und ist international tätig. Ihr erklärtes Ziel ist, bereits erkundete Vorkommen neu zu erschließen. Die Tochter Seltenerden Storkwitz AG mit Sitz in Chemnitz soll dieses Jahr an die Börse gehen.


